Sprint – immer dasselbe? von Pascal Schärer🏃‍♂️

Innerhalb knapp eines Monats stand ich an zwei Weltcups am Start: Ende April in Locarno und Ende Mai in Skara, Schweden. Beide Male handelte es sich um einen Sprint-Weltcup. Ein und das Gleiche, denn Sprint ist Sprint? Mitnichten!


Grundsätzlich stimmt es natürlich schon, dass Sprint, Sprint ist. Nur weil der Weltcup an einem anderen Ort ausgetragen wird, finden die Sprint-Wettkämpfe nicht plötzlich im Wald statt oder dauern doppelt so lange. Sowohl in Schweden als auch in der Schweiz waren es kurze, knackige Läufe bei hohem Speed.


Dennoch unterschied sich der Charakter der Wettkämpfe ziemlich. In Locarno stellten die verwinkelten Tessiner Dorf- und Altstadtteile sowie der Wechsel zwischen solchen und geradlinigeren Stücken die grösste Herausforderung dar. Es galt, die kleinen Gassen zu erwischen, aber auch die einfacheren Stücke zu erkennen, auf welchen man voll aufs Gaspedal drücken musste.


In Skara waren definitiv die herausfordernden Routenwahlen die grösste Challenge, die es zu meistern galt. Am Weltcup in Locarno wurden wir zwar bereits mit einigen längeren Teilstrecken konfrontiert, doch im Vergleich zu dem, was uns in Skara erwartete, war dies ein leichtes Spiel. Die Routenwahlen am Weltcup in Schweden waren typische Beispiele dessen, was wir einen «Schwedensprint» nennen: Ein Labyrinth aus unzähligen künstlich aufgestellten Sperren. Während es nicht sonderlich schwierig ist, einen Weg durch dieses Labyrinth zu finden – irgendwo kommt man immer durch – ist es sehr anspruchsvoll, den kürzesten Weg zu erkennen. Im Schweizer Herrenteam haben wir uns daher für folgende Taktik entschieden: Die erste Route zu nehmen, die man sieht, denn es braucht zu viel Zeit, um mehrere Varianten zu sehen. Vereinfacht gesagt, kann man diese Taktik auch «Bingo» nennen: Man nimmt etwas und hofft, dass es gut ist.


Nicht nur die Art von Sprint unterschied sich bedeutend, sondern auch das Gelände, in welchem die Wettkämpfe ausgetragen wurden. Während die Schweden ihre Wettkämpfe traditionell am liebsten in Wohnblocks und Parks austragen, wagten sie sich für den zweiten Teil des Einzelsprints in die Altstadt von Skara, sodass der Sprint insgesamt ein bunter Mix aus verschiedenen Geländetypen war. Auch wenn ungewohnt für Schweden, war es dennoch nicht mit den berüchtigten Tessiner Gassen zu vergleichen.


Im Vergleich zu Schweden kam in Locarno die Steigung als zusätzlicher Faktor hinzu. Egal ob aufwärts oder abwärts, die Steigung macht den Lauf nicht einfach. Sei dies nun durch den im Uphill induzierten Sauerstoffmangel im Kopf oder das höhere Tempo im Downhill.


Und da wäre noch das ganze Drumherum. Locarno war für mich Heimweltcup-Premiere. Was einen Heimweltcup von den restlichen Weltcups abhebt? Die Medienpräsenz und die Stimmung.


Verglichen mit dem Weltcup in Schweden erhielt das Wochenende deutlich mehr Aufmerksamkeit, nicht nur durch den SRF-Broadcast. Oder wie der Cheftrainer es ausdrückte: «Medientechnisch ist nicht die WM, sondern dieser Weltcup der wichtigste Anlass des Jahres». Daher fand am Tag der Anreise eine Medienkonferenz des Schweizer Teams mit anschliessenden Interviews statt, bei welchen nicht nur die Alteingesessenen vor die Kamera gebeten wurden, sondern bei welcher auch ich als Team-Youngster einige Fragen fürs RSI beantworten durfte 😉.

Bezüglich der Stimmung in Schweden waren meine Erwartungen aus Erfahrungen von vorherigen Jahren nicht hoch. Daher wurde ich positiv überrascht, als ich merkte, dass zahlreiche Fans vorhanden waren, welche für gute Stimmung sorgten. Dennoch kamen die schwedischen Fans nicht an die Stimmung auf der Piazza Grande in Locarno heran. Oder eben nicht nur dort. An diversen Orten unterwegs wurde man angefeuert. Besonders im Überlauf und im Zieleinlauf hat das Heimpublikum einen Boost gegeben – ein tolles Gefühl, auf das ich mich an einem nächsten Heimweltcup definitiv freuen werde!

Back to the forest
Nach diesen beiden ersten Weltcups ist die erste Saisonhälfte passé und das Sprinten für mich vorerst zu Ende. Obwohl ich nicht vollends zufrieden mit meinen beiden Weltcup-Einsätzen bin – der fehlerfreie Lauf wollte mir nie gelingen -, bin ich doch zufrieden mit der Frühlingssaison als Gesamtes. Auch wenn ich mir Anfang Saison das Ziel setzte, an diesen beiden Weltcups mit dabei zu sein, war dies – besonders beim aktuellen Niveau im Schweizer Herrenteam – keineswegs selbstverständlich und daher bin ich glücklich damit, diese internationalen Erfahrungen gemacht haben zu können.


Nun ruft die Rückkehr in den Wald schon bald und ich blicke mit Vorfreude auf die nächsten Monate, in welchen ich den Fokus voll auf den Wald-OL legen werde. Auch wenn mir der Sprint und die beiden damit verbundenen internationalen Einsätze sehr Spass gemacht haben, freue ich mich doch auf diesen Kulissenwechsel: Mehr Kompassarbeit und Komplexität, aber dafür ein bisschen weniger Hektik und Impulsivität tun auch mal gut.

dsp goes SOLA
In den Wochen zwischen den Weltcups stand ein weiteres Highlight auf dem Programm: Die SOLA-Stafette, an welcher ich im dsp-Team lief. Dabei nahm ich die Strecke von der Felsenegg in die Buchlern in Angriff. Dies war erst meine zweite SOLA-Teilnahme, aber wie im Vorjahr war ich begeistert, wie man als ganzes Team die Stafette den ganzen Tag verfolgt und bei jeder Strecke ein bisschen mitfiebert. Alles in allem war die SOLA ein lässiger Tag mit einer tollen Teamleistung, überraschenden Gegensteigungen auf meiner Strecke und einer leckeren Pizza als Abschluss.

Studieren und trainieren oder doch umgekehrt?
An der SOLA wurde ich darauf angesprochen, wie das Nebeneinander von Studium und Sport während des Semesters geht. Die kurze Antwort: Mit einem organisierten Freestyle.
In diesem Jahr habe ich einen neuen «Negativ»-Rekord aufgestellt mit 6 von 14 Semesterwochen in Trainingslagern oder an Wettkämpfen. Dennoch war ich zu Semesterende mit dem Unterrichtsstoff nach, sodass ich die Lernphase nicht primär zum Aufholen des Frühlingssemesters brauchen muss. Der Freestyle besteht darin, wann und von wo ich studiere. Ohne Anwesenheitspflicht in der Vorlesung ist man hierbei zum Glück relativ flexibel. Der organisierte Teil ist, dass ich mich dennoch mit dem Studium befasse, auch wenn ich in Trainingslagern etc. bin. Mein Ziel ist es jeweils, bis zum Ende der Woche den entsprechenden Stoff bearbeitet zu haben. Wie ich dies tue, hängt ein bisschen von der Vorlesung ab: Teilweise gibt es Aufzeichnungen, manchmal ist es eher ein DIY-Prozess mit den Vorlesungsunterlagen, aber dies funktioniert meist recht gut.
Zusammengefasst: Flexibles Studium geht, aber man muss sich zu organisieren wissen.

 


Bild Locarno von Silvan Schletti

Bild Skara von Kristina Lindgren

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